Mehr als 28.000 Musiker aus 21 Ländern, 67 Studien, vier Jahrzehnte Forschung – das Ergebnis ist eindeutig: Musiker entwickeln mehr als dreimal so häufig Tinnitus wie Nicht-Musiker, Hörverlust und eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit kommen unter Musikern mehr als doppelt so häufig vor. Das zeigt eine neue Übersichtsarbeit – die nebenbei mit einem hartnäckigen Mythos aufräumt.
Laut der Meta-Studie, die im Februar 2026 in der US-Fachzeitschrift Otolaryngology – Head and Neck Surgery veröffentlicht wurde, berichteten 42,6 Prozent der Musiker von Tinnitus, verglichen mit nur 13,2 Prozent bei Nicht-Musikern.
Hörverlust betraf 25,7 Prozent der Musiker gegenüber 11,6 Prozent bei Nicht-Musikern. Eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Alltagsgeräuschen (Hyperakusis) wurde von 37,3 Prozent der Musiker angegeben, verglichen mit 15,3 Prozent bei Nicht-Musikern.
| Symptom | Musiker | Kontrollgruppe |
|---|---|---|
| Tinnitus | 42,6 % | 13,2 % |
| Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis) | 37,3 % | 15,3 % |
| Hörverlust | 25,7 % | 11,6 % |
Sechs Forscherinnen und Forscher von der Medical University of South Carolina (MUSC) in Charleston, USA, fassten für die Übersichtsarbeit Daten aus 67 Studien aus 21 Ländern zusammen. Die Studien erschienen zwischen 1981 und 2024 und schlossen insgesamt 28 311 Musiker ein – darunter Orchester-, Rock-, Folklore- und Militärkapellen-Musiker, Musik-Studierende, DJs und Chorsänger.
Tinnitus-Risiko von Klassik bis Rock
Überraschend ist, dass die Studie keinen signifikanten Unterschied im Vorkommen von Tinnitus, Hörverlust oder Hyperakusis zwischen klassischen Musikern und Pop-/Rockmusikern feststellte. Bislang war angenommen worden, dass Künstler der klassischen Musik weniger betroffen sind als ihre Kollegen aus dem Rock- oder Pop-Genre. Stattdessen zeigt die Studie, dass das Risiko für Hörschäden genreübergreifend ähnlich groß ist.
„Viele Musiker leben mit Ohrensausen, Geräuschempfindlichkeit oder Hörverlust, egal ob sie in einem Konzertsaal oder einem kleinen Club spielen“, sagte Dr. Shaun A. Nguyen, HNO-Professor und Mitautor der Studie. Er und seine Kollegen vermuten, dass individuelle Faktoren wie Instrumententyp, Sitzposition innerhalb eines Ensembles, Raumakustik und das Nutzen von Gehörschutz einen größeren Einfluss auf das Risiko von Hörschäden haben könnten als das Genre allein.
Amateure ebenso betroffen wie Profis
Die Meta-Studie schließt sowohl professionelle Musiker als auch Amateurmusiker ein. Zu letzterer Gruppe zählen etwa Musikstudierende, engagierte Hobbymusiker oder Laien in Ensembles.
Eine Trennung war laut den Autoren aus zwei Gründen nicht sinnvoll: Erstens verwendeten viele der eingeschlossenen Studien keine einheitliche Definition von „Profi“ vs. „Amateur“. Zweitens ist das entscheidende Kriterium für Gehörschäden nicht der Berufsstatus, sondern die tatsächliche Lärmbelastung – und die kann bei engagierten Hobbymusikern durchaus ähnlich hoch sein wie bei Profis.
Hobby-Musiker, die nur gelegentlich spielen, gingen allerdings nicht in die Übersichtsarbeit ein. Die eingeschlossenen Studien fokussierten auf Menschen, die regelmäßig und intensiv musizieren.
Meist kein dauerhafter Tinnitus
Wichtig: In den meisten Fällen erleben – auch – Musiker nur einen vorübergehenden, nicht bleibenden Tinnitus.
Die Meta-Studie von McCray et al. weist hier allerdings eine bemerkenswerte Inkonsistenz auf, die von den Autoren bedauerlicherweise nicht kommentiert wird: So sollen unter den von Tinnitus betroffenen Musikern 76,3 Prozent „gelegentliche“ Ohrgeräusche, nur 15,6 Prozent einen „dauerhaften“ Tinnitus haben.
Hochgerechnet auf alle Musiker würde das bedeuten, dass nur 6,6 Prozent dauerhaft betroffen sind – ein Wert, der unterhalb der Bevölkerungsprävalenz – also dem Vorkommen von chronischem Tinnitus in der Gesamtbevölkerung – läge und damit schlicht unplausibel ist.
Vermutlich stammt diese Aufschlüsselung nur aus einer kleinen Teilmenge der Studien, die diese Unterscheidung überhaupt getroffen haben – und dies nach wahrscheinlich sehr unterschiedlichen Kriterien. Die Studienautoren geben darüber keine Auskunft, was kein Ausdruck von methodischer Güte ist.
Auch der Umstand, dass sich die Angaben (76,3% + 15,6%) nicht auf 100% addieren, deutet darauf hin, dass es sich bei dieser Subgruppen-Analyse eher um statistische Artefakte als um aussagekräftige Daten handelt.
Ist das Problem eigentlich größer?
Der relativ geringe Wert von „dauerhaftem“ Tinnitus könnte auch mit dem relativ geringen Durchschnittsalter der erfassten Musiker zusammenhängen. Dieses lag nämlich den Angaben zufolge bei nur 34,7 Jahren, wobei die Musiker im Schnitt seit 14,6 Jahren Musik machten.
Hier liegt die Vermutung nahe, dass die Ergebnisse der Meta-Studie durch das relativ geringe Durchschnittsalter verzerrt sind.
Auf jeden Fall ist zu erwarten, dass ältere Musiker noch weit häufiger von Tinnitus und Hörverlust betroffen sind als jüngere. Auch hierzu macht die Studie bedauerlicherweise keine Angaben.
Immerhin weisen die Forschenden darauf hin, dass 63 Prozent der erfassten Fälle von Musikern mit Hörverlust auf Selbstauskünften basierten, während nur 37 Prozent durch audiometrische Tests bestätigt wurden.
Die Forschenden vermuten daher, dass das tatsächliche Ausmaß von Hörverlust unter Musikern höher ist als angegeben.
Die überwiegende Mehrheit der Tinnitus- und Hyperakusis-Daten basiert auf Selbstauskunft – was sowohl Untererfassung (Stigma, Scham) als auch Übererfassung (erhöhte Aufmerksamkeit) bedeuten kann.
Warum haben Musiker mehr Tinnitus?
Die naheliegendste Erklärung ist natürlich, dass Lärm und Hörverlust das Tinnitus-Risiko erheblich erhöhen. Musiker, die über viele Jahre proben und auftreten, sind von „Lärm“ und lärmbedingtem Hörverlust besonders betroffen.
Die Studie verweist in diesem Zusammenhang auf einen bemerkenswerten Befund: Ein erheblicher Anteil der Musiker mit Tinnitus oder Hyperakusis wies normale audiometrische Hörschwellen auf.
Das deutet darauf hin, dass frühe Schäden der Cochlea (Hörschnecke) im Innenohr vorhanden sein können, die aber im Standard-Audiogramm noch nicht sichtbar wurden. Trotzdem kann dieser „versteckte Hörverlust“ (Hidden Hearing Loss) bereits zu Tinnitus oder Geräuschempfindlichkeit führen.
Es gibt aber noch einen weiteren Mechanismus, der in der Studie nicht diskutiert wird, mir aus therapeutischer Perspektive jedoch besonders relevant erscheint: die „psychologische Anfälligkeit“ für Tinnitus bei Musikern.
Das Gehör ist für Musiker kein bloßes Alltagsorgan – es ist das Fundament ihrer Identität, ihres Berufs und ihrer Leidenschaft. Ein neu aufgetretenes Ohrgeräusch trifft einen Musiker existenziell anders als jemanden, für den das Gehör weniger bedeutsam ist.
Die neurophysiologischen Tinnitus-Modelle (insbesondere das Modell von Pawel J. Jastreboff) beschreiben genau diesen Mechanismus: Ein neu aufgekommener Tinnitus verstetigt sich dann zum dauerhaften Problem, wenn das Nervensystem ihm Bedrohlichkeit zuschreibt, alarmiert reagiert und wachsam auf das Geräusch fokussiert.
Musiker verfolgen Veränderungen ihres Gehörs mit erhöhter Aufmerksamkeit und reagieren möglicherweise sensitiver auf Tinnitus. Ein neu aufgekommener Tinnitus wird dann eher als Bedrohung aufgefasst – was es wiederum wahrscheinlicher werden lässt, dass sich der Tinnitus verstetigt.
Unterschätztes Problem: Hyperakusis
Auffällig ist an der neuen Übersichtsarbeit, dass Hyperakusis bei Musikern nahezu genauso häufig vorkommt wie Tinnitus – 37,3 Prozent gegenüber 42,6 Prozent.
In der medialen Öffentlichkeit wird Hyperakusis weit seltener thematisiert als Tinnitus, obwohl sie erheblich beeinträchtigen kann.
Ein wesentlicher Mechanismus für die Entwicklung einer übermäßigen Geräuschempfindlichkeit ist, dass das Hörsystem des Gehirns seine interne Verstärkung und Empfindlichkeit erhöht, um Signalverluste nach einer Hörschädigung zu kompensieren.
Dadurch können alltägliche Geräusche dann unangenehm laut werden. Für Musiker kann das bei Proben und Konzerten zu einer besonderen Belastung und Herausforderung werden. Zugleich steigt durch die erhöhte Verstärkung und Empfindlichkeit im Hörsystem das Tinnitus-Risiko erheblich.
Empfehlung: Hörtests und Gehörschutz
Als Konsequenz aus dem erhöhten Risiko empfehlen die Studienautoren Musikern regelmäßige Höruntersuchungen – möglichst mit erweiterter Hochfrequenz-Audiometrie (12–16 kHz), da Standard-Audiogramme frühe Schäden oft nicht erfassen.
Im Kontrast zum Risiko von Hörschäden steht, dass laut der Studie nur rund die Hälfte der Musiker regelmäßig Gehörschutz nutzt. Bei Klassikmusikern ist die Akzeptanz besonders niedrig, weil der Gehörschutz das Spielen beeinträchtige und das Hören der anderen Ensemblemitglieder erschwere.
Immerhin: Unter jüngeren Musikern und Berufsanfängern verzeichneten Einzelstudien zuletzt einen deutlichen Anstieg in der Nutzung von Gehörschutz auf zum Teil 77,5 Prozent.
Fazit
Die neue Meta-Studie liefert die bislang umfassendste Einordnung des Tinnitus-Risikos bei Musikern. Das Ergebnis ist deutlich: Regelmäßige, intensive Musikpraxis ist mit einem erheblich erhöhten Risiko für Hörverlust, Tinnitus und Hyperakusis verbunden – unabhängig vom Genre, und sowohl bei Profis als auch bei engagierten Amateuren.
Die beruhigende Perspektive: Die große Mehrheit der betroffenen Musiker beschreibt ihr Ohrgeräusch als gelegentlich, nicht dauerhaft.
Und selbst wenn der Tinnitus länger bleibt: Habituation – also ein Unwichtigwerden und Überhören des Ohrgeräusches – ist immer möglich. Daher braucht ein Tinnitus das Musizieren nicht dauerhaft trüben.
Quelle
McCray LR, Ripp AT, Nguyen SA, Pelic JC, Labadie RF, Meyer TA. Auditory Symptoms Among Musicians: A Systematic Review and Meta-analysis. Otolaryngology–Head and Neck Surgery. 2026;174(2):305–316. DOI: 10.1002/ohn.70094

