Ein störendes Ohrgeräusch kann die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz erheblich mindern, wie eine aktuelle Studie renommierter Forscher aus England und Schweden zeigt: Knapp jeder fünfte befragte Tinnitus-Betroffene gab an, wegen des Tinnitus seine Arbeitszeit reduziert oder die Erwerbstätigkeit sogar ganz aufgegeben zu haben. Doch die Studie hält auch eine gute Nachricht bereit: Eine gezielte psychologische Behandlung kann die Arbeitsfähigkeit deutlich verbessern.
Mehrheit kommt gut zurecht, manche treten kürzer
Inwieweit ein Tinnitus sich auf die Arbeitsfähigkeit und Produktivität auswirkt, wurde bislang wenig wissenschaftlich untersucht. Diese Lücke füllt nun ein internationales Forscherteam um die Hörforscherin Eldre Beukes von der Anglia Ruskin University (ARU) in Cambridge und den klinischen Psychologen Gerhard Andersson von der Linköping University in Schweden.
Für ihre Studie, die Ende Januar 2026 im Fachjournal Brain Sciences veröffentlicht worden ist, befragten die Forscher 449 Erwachsene mit Tinnitus zu den Auswirkungen des Ohrgeräuschs auf ihre Arbeit.
Dies sind die zentralen Ergebnisse:
- 81 % der Befragten berichteten, dass sich ihre Arbeitsgewohnheiten durch den Tinnitus nicht verändert haben. Die große Mehrheit kommt also trotz Tinnitus im Berufsleben zurecht.
- Doch immerhin 11 Prozent der Befragten gaben an, ihre Arbeitszeit wegen des Tinnitus reduziert zu haben.
- Und 7 Prozent der Befragten hatten die Erwerbstätigkeit wegen des Tinnitus sogar ganz aufgegeben.
Bemerkenswert ist außerdem: Auch unter denjenigen, die weiterhin arbeiten, fühlt sich eine Mehrheit (57 Prozent) durch den Tinnitus zumindest leicht in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.
„Für manche Menschen ist Tinnitus weit mehr als ein anhaltendes Geräusch – er kann ein Hindernis für eine stabile Erwerbstätigkeit und das Wohlbefinden am Arbeitsplatz sein, und tritt oft zusammen mit Hörverlust, Angst oder Schlafproblemen auf“, resümierte die Studienleiterin Eldre Beukes.
Ganz wichtig ist allerdings: Die Auswahl der Studienteilnehmer war überhaupt nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Tinnitus-Betroffenen (siehe unten). Es ist davon auszugehen, dass die Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit bei einer repräsentativen Auswahl weitaus geringer ausfallen würden.
Auf jeden Fall sind Tinnitus-bedingte Einschränkungen im Beruf kein Schicksal: Ein achtwöchiges internetbasiertes Programm auf Basis der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) konnte das Handicap bei vielen Teilnehmern auflösen.
Warum beeinträchtigt Tinnitus die Arbeit?
Die Teilnehmer konnten genau beschreiben, inwieweit der Tinnitus in ihrem Arbeitsalltag ein Problem darstellte. Daraus ergeben sich diese Problembereiche:
Konzentration und Produktivität: Viele Betroffene berichteten, dass sie Texte mehrfach lesen mussten, um den Inhalt zu erfassen, dass Aufgaben länger dauerten und ihnen mehr Fehler unterliefen – gerade an Tagen mit lauterem Tinnitus. Die Arbeit in ruhigen Umgebungen, etwa allein am Computer, wurde als besonders schwierig beschrieben.
Erschöpfung: Insbesondere Tinnitus-bedingte Schlafstörungen führten dazu, dass Betroffene erschöpft und nicht ausreichend erholt zur Arbeit kamen und sich den Anforderungen des Tages nicht gewachsen fühlten.
Kommunikation: Gespräche in Meetings verfolgen, leise sprechende Gesprächspartner verstehen, telefonieren – all das wurde durch das Ohrgeräusch (und den häufig begleitenden Hörverlust) erschwert.
Rückzug und Rollenwechsel: Manche Betroffene sagten Meetings ab, zogen sich aus Interaktionen mit Kollegen zurück oder wechselten von kundenbezogenen in administrative Tätigkeiten.
Indirekte Auswirkungen: Bei einigen Betroffenen trugen eine erhöhte Ängstlichkeit, depressive Verstimmung, Frustration oder Reizbarkeit zusätzlich dazu bei, dass die Freude an der Arbeit abnahm.
Was wurde untersucht – und wie?
Für die Studie wurden 449 Erwachsene mit chronischem Tinnitus (mindestens drei Monate Dauer) befragt. Die Teilnehmenden lebten im Schnitt seit zwölf Jahren mit Ohrgeräusch, ihr Durchschnittsalter betrug 54 Jahre.
Alle Teilnehmer hatten sich zuvor aktiv für ein internetbasiertes psychologisches Therapieprogramm angemeldet. Die Studie schloss also ausschließlich Tinnitus-Betroffene ein, die so viel Leidensdruck hatten, dass sie psychotherapeutisch orientierte Hilfe suchten.
Völlig unberücksichtigt blieb hingegen der große Teil der Betroffenen, bei denen der Tinnitus unwichtig geworden ist, nicht mehr nennenswert stört und keine nennenswerte Beeinträchtigung mehr darstellt.
Neben Fragen zur Arbeitsfähigkeit wurden standardisierte Fragebögen zur Tinnitus-Belastung (TFI), Angst (GAD-7), Depression (PHQ-9), Schlafstörungen (ISI) und zur Lebensqualität (EQ-5D) eingesetzt. Zusätzlich konnten die Teilnehmenden beschreiben, wie sich der Tinnitus auf ihre Arbeit auswirkt.
Online-Therapie verbessert die Arbeitsfähigkeit
Anschließend durchliefen die Teilnehmer ein achtwöchiges internetbasiertes Programm auf Basis der Kognitiven Verhaltenstherapie („ICBT“). Dieses Programm beruhte im Wesentlichen auf folgenden Strategien:
- Psychoedukation („Aufklärung“)
- Entspannungstraining
- kognitive Umstrukturierung (Erkennen und Verändern belastender Denkmuster)
- verhaltenstherapeutische Aktivierung (schrittweise Wiederaufnahme vermiedener Aktivitäten).
Unter den 200 Teilnehmenden, die das achtwöchige ICBT-Programm tatsächlich abschlossen und auch die anschließenden Fragebögen ausfüllten, zeigten sich erhebliche Verbesserungen – sowohl in der subjektiven Arbeitsfähigkeit als auch bei Tinnitus-Belastung, Angst, Depression und Schlafstörungen.
Dies sind die Verbesserungen im Einzelnen:
- Arbeitsfähigkeit: Vor Beginn des Programms hatten 57 Prozent der Teilnehmenden angegeben, sich weniger leistungsfähig zu fühlen. Unmittelbar nach dem Programm sank dieser Anteil auf 36 Prozent, und bei der Nachuntersuchung zwei Monate später sogar auf nur noch 25 Prozent.
- Tinnitus-Belastung (TFI, Skala 0-100): sank bei den Teilnehmenden durch das Programm von 52,5 auf 33,1 (unmittelbar danach) bzw. 29,1 (Follow-up nach zwei Monaten).
- Angst-Niveau (GAD-7, Skala 0-21): ging von 7,2 (leichte Angststörung) auf 4,6 (unmittelbar danach) bzw. 4,5 (Follow-up) zurück.
- Depressivität (PHQ-9, Skala 0-27): ließ von 7,4 (leichte Depression) auf 4,5 (unmittelbar danach) bzw. 4,0 (Follow-up) nach.
- Schlafstörungen (ISI, Skala 0-28): verbesserten sich von 11,3 (mittelschwere Insomnie) auf 7,9 (unterschwellige Insomnie; unmittelbar danach) bzw. 7,0 (Follow-up).
Das KVT-Programm führte damit in allen Bereichen zu einem klinisch bedeutsamen Rückgang der Beeinträchtigung.
Zu beachten ist allerdings die hohe Abbrecherquote: Nur 200 der insgesamt 449 Teilnehmenden schlossen das Programm ab und absolvierten zumindest die erste Nachbefragung. Nur diese „therapietreuen“ Teilnehmer gingen in die Auswertung bezüglich der Verbesserungen ein.
Fazit
Die Studie von Beukes et al. schließt eine Forschungslücke, indem sie erstmals systematisch untersucht, wie Tinnitus die Arbeitsfähigkeit beeinflusst und ob eine evidenzbasierte Intervention dagegen helfen kann.
Die Ergebnisse sind trotz methodischer Einschränkungen ein wichtiger Beitrag: Sie zeigen, dass Tinnitus für einen relevanten Anteil der Betroffenen ein ernstzunehmendes berufliches Problem darstellt – aber eben nicht für die große Mehrheit.
Falls Sie unter einem Tinnitus leiden, auch im beruflichen Kontext, dann können Sie wissen: Dieser Zustand ist veränderlich, Sie brauchen ihn nicht hinnehmen.
Professionelle Unterstützung kann den entscheidenden Unterschied machen. Die kognitive Verhaltenstherapie – ob in Präsenz oder internetbasiert – ist die erfolgreichste und am besten wissenschaftlich belegte Tinnitus-Behandlung.
Sie hilft nicht nur bei der unmittelbaren Tinnitus-Belastung, sondern auch bei begleitenden Beschwerden wie Angst, Depression und Schlafstörungen, die im Arbeitsalltag oft schwerer wiegen als das Ohrgeräusch selbst.
Quellen
- Beukes, E., Sharpe, J. A., Andersson, G., & Manchaiah, V. (2026). Exploring the Impact of Tinnitus on Work Productivity. Brain Sciences, 16(2), 150. https://doi.org/10.3390/brainsci16020150
- Anglia Ruskin University (2026, 10. Februar). Research reveals impact of tinnitus on employment [Pressemitteilung].

